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Whistleblower-Preis

Die deutsche IALANA hat zusammen mit der Vereinigung deutscher Wissenschaftler (VDW) den Whistleblower-Preis gestiftet. Er wird vergeben an Persönlichkeiten, die – häufig unter Inkaufnahme beträchtlicher Risiken für Arbeitsplatz und Karriere – Missstände aufdecken und nach außen bekannt machen, die ihnen in ihrer dienstlichen oder amtlichen Tätigkeit bekannt geworden sind.

In einem Beitrag von September 2011 stellt Bernd Hahnfeld zusammenfassend die umstrittenen Fragen des Whistleblowing in der BRD dar und würdigt die bisherigen Preisträger aus den Jahren 1999 - 2011.

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Warum verleihen wir den Whistleblower-Preis?

 

Die deutsche IALANA hat zusammen mit der Vereinigung deutscher Wissenschaftler (VDW) den Whistleblower-Preis gestiftet. Er wird vergeben an Persönlichkeiten, die – häufig unter Inkaufnahme beträchtlicher Risiken für Arbeitsplatz und Karriere – Missstände aufdecken und nach außen bekannt machen, die ihnen in ihrer dienstlichen oder amtlichen Tätigkeit bekannt geworden sind.

Die regelmäßige Verleihung des Whistleblower-Preises soll einen Beitrag zur Veränderung der oben von Dr. Jürgen Kühling so zutreffend geschilderten gesellschaftlichen und rechtlichen Situtuation des Whistleblowers leisten.

Mit dem Preis sollen Persönlichkeiten geehrt werden, die in ihrem Arbeitsumfeld oder Wirkungskreis schwerwiegende, mit erheblichen Risiken oder Gefahren für Mensch und Gesellschaft, Umwelt oder Frieden verbundene Missstände aufgedeckt haben.

Mit der Preisverleihung und ihrer anschließenden Dokumentation soll nicht nur einer herausragenden Persönlichkeit und ihrem beispielhaften Verhalten ein kleines, dauerhaftes Denkmal gesetzt werden. Von besonderem Interesse ist auch die Frage, was an dem Fall verallgemeinerungsfähig ist und was sich daraus für künftige Konfliktlagen dieser Art exemplarisch lernen lässt.

Uns geht es darum, eine möglichst breite gesellschaftliche Diskussion darüber anstoßen zu helfen, wie wichtig Whistleblower sind. Ihre Kenntnisse als Insider oder ExpertInnen und ihre uneigennützige mutige Bereitschaft, Alarm zu schlagen, stellen häufig die einzige Möglichkeit dar, in staatlichen Bürokratien, in der Wirtschaft, in Forschungs- und Entwicklungsabteilungen, aber auch in den internationalen Beziehungen grobe Missstände aufzudecken.

Die Erfahrung zeigt: Whistleblower riskieren viel. Ihre berufliche Karriere kann erheblich beeinträchtigt werden. Nicht selten geraten sie in schwere Existenzkrisen. Davor müssen sie besser geschützt werden ? rechtlich, aber auch durch eine entsprechende Infrastruktur in den Betrieben, Forschungseinrichtungen und Verwaltungen. Dazu gehören insbesondere geeignete Anlaufstellen (Hotline, Ombudsman), die Erarbeitung und Umsetzung von Ethik-Codices sowie die konkrete Bereitschaft, solche uneigennützigen »ethischen Dissidenten« vom Odium des Netzbeschmutzers oder gar Verräters zu befreien. Wichtig sind auch Journalistinnen und Journalisten, die über solche Fälle berichten, Whistleblower zu Wort kommen lassen, Verantwortliche zu Stellungnahmen drängen und kritisch nachfragen.

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Wer kann den Whistleblower-Preis erhalten?


Mit dem Whistleblower-Preis werden Persönlichkeiten ausgezeichnet, deren Verhalten (»Whistleblowing«) folgende Kriterien erfüllt:

-  Brisante Enthüllung (»reveiling wrongdoing ?«)

Ein/e Whistleblower/in deckt in seinem Arbeitsumfeld oder Wirkungskreis gravierendes Fehlverhalten, schwerwiegende Missstände oder Fehlentwicklungen auf, die mit erheblichen Gefahren oder Risiken für Leben, Gesundheit, die nachhaltige Sicherung und Entwicklung der Ökosysteme, die Demokratie oder das friedliche Zusammenleben der Menschen verbunden sind oder jedenfalls verbunden sein können.Sein/ihr Verhalten kann auch darin bestehen, dass er/sie eine (weitere) Mitwirkung oder Mitarbeit an dem in Rede stehenden Projekt oder Vorhaben, zu der er/sie vertraglich oder gesetzlich an sich verpflichtet ist, ablehnt und dadurch den Sachverhalt öffentlich macht.

-  Alarmschlagen (»going outside«)

Ein solches Alarmschlagen erfolgt im Regelfall zunächst intern, also im persönlichen oder beruflichen Wirkungskreis des Whistleblowers (»internes Whistleblowing«). Wird sein internes Alarmschlagen unterdrückt und/oder bleibt es wirkungslos, wendet er sich an Außenstehende oder an die Öffentlichkeit, namentlich an Aufsichtsbehörden, Ombudsleute, Abgeordnete, Berufsverbände/Gewerkschaften, Journalisten und Massenmedien etc (»externes Whistleblowing«).

-  Primär uneigennützige Motive (»serving the public interest ?«)

Das Alarmschlagen erfolgt nicht aus Eigennutz, sondern primär aus Motiven, die am Schutz gewichtiger Rechtsgüter (Leben, Gesundheit, friedliches Zusammenleben der Menschen, Demokratie, nachhaltige Sicherung und Entwicklung der Ökosysteme, etc.) orientiert sind. Der/die Betreffende erstrebt und erreicht mit seinem Whistleblowing keine wirtschaftlichen Vorteile für sich oder ihm/ihr Nahestehende.

-  Inkaufnahme schwerwiegender Nachteile (»risking retaliation ?«)

Dabei nimmt der/die Whistleblower/in in Kauf, dass sein/ihr Alarmschlagen mit erheblichen Risiken und/oder Nachteilen für die eigene berufliche Karriere oder die persönliche Existenz (oder die von Angehörigen etc) verbunden ist.

 

Bekannte Whistleblower sind Daniel Ellsberg, der mit den "Pentagon-Papers" vertrauliche Informationen über den Vietnam-Krieg publiziert hat, oder Mordechai Vanunu, der verriet, da.ss Israel Atomwaffen produziert.

Der Preis wird alle 2 Jahre vergeben, er ist mit 3000 Euro dotiert. 

Der Whistleblowerpreis-Jury von VDW und IALANA gehören an: Dr. Peter Becker, Dr. Dieter Deiseroth, Dipl.-Pol. Annegret Falter, RA Björn Rohde-Liebenau und Prof. Dr. Ulrike Wendeling-Schröder Der Whistleblower-Preis wird seit 1999 vergeben von der „Vereinigung Deutscher Wissenschaftler“ (VDW) und der Deutschen Sektion der Juristenvereinigung IALANA

Preisträger 2011 sind Anonymus (unbekannter Informant von Wikileaks)  und der Atomphysiker Dr. Rainer Moormann (s.u.).

Preisträger 2009 waren die hessischen Steuerfahnder Schmenger und Wehrheim, die Steuerhinterziehungen riesigen Umfangs aufdeckten, ewa bei der Commerzbank. Der "Dank" dafür war die Zerschlagung ihrer Arbeitsgruppe und – auf ihre Proteste – die Stigmatisierung als psychisch krank. Nachfolgend finden Sie weitere  Informationen zu diesen und den früheren Preisträgern.

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Die bisherigen Preisträger

 

1999        Alexander Nikitin          mehr     

2001        Dr. Margrit Herbst         mehr

2003        Dr. Daniel Ellsberg        mehr

2005        Prof. Theodore A. Postol und Dr. Arpad Pusztai        mehr

2007        Brigitte Heinisch und Dr. Liv Bode      mehr

2009        Rudolf Schmenger und Frank Wehrheim         mehr

2011         Anonymus und Dr. Rainer Moormann

                        s. "Whistleblowerpreis 2011

  

 

Wenn der Staatssekretär schreit...

TV-Kritik "HR-Gespräch Steuerfahnder", mit IALANA Vorstandsmitglied RA Otto Jäckel

Vorhang auf zum kleinen Vorab-Fernseh-Untersuchungsausschuss, dem Stadtgespräch des Hessischen Rundfunks (HR): Da stehen sie alle im Scheinwerferlicht des Studios: Der Anwalt der Steuerfahnder, Otto Jäckel, der SPD-Landtagsabgeordnete Norbert Schmitt, der Personalrat des Finanzamtes Frankfurt 1, Andreas Just und der Staatssekretär des Finanzministeriums, Thomas Schäfer. Es wird eine überraschend spannende Dreiviertelstunde zu einem sehr sperrigen Thema: Finanzverwaltung, Beamtenrecht, Steuerhinterziehung, Mobbing und Politik.

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2009 Whistleblower-Preisträger - neue Pressemeldungen

FR.18.11.09: Wer aufmuckt, ist ein Psycho-Fall:

Ex-Steuerfahnder Rudolf Schmenger nimmt die Nachricht von der Verurteilung seines Peinigers nicht mit Jubel auf: "Im Vergleich zu dem Schaden, den dieser Arzt angerichtet hat, sind 12.000 Euro Bußgeld ein überschaubarer Betrag", sagt Schmenger. "Es sind Menschen diffamiert und Familien zerstört worden." Auch für den Staat sei der Schaden weitaus höher: "Vier bestens ausgebildete Steuerfahnder stehen nicht mehr zur Verfügung." (Ganzen Artikel lesen ->)

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2009 R. Schmenger und F. Wehrheim

Rudolf Schmenger und Frank Wehrheim erhalten den Whistleblower-Preis 2009. Beide waren über viele Jahre Steuerfahnder am Finanzamt Frankfurt V im so genannten „Bankenteam“. Der Finanzplatz Frankfurt/Main mit den Zentralen der Großbanken ist der wichtigste Platz für Kapital- und Bankgeschäfte in Deutschland. Inzwischen ist bekannt: Hier haben Bankbedienstete entsprechend den Vorgaben und Erwartungen ihrer Vorgesetzten viele wichtige Kunden über Jahre hinweg dabei unterstützt, am deutschen Steuerfiskus vorbei Gelder anonymisiert nach Luxemburg, in die Schweiz oder andere Steueroasen (Liechtensteiner „Stiftungen“; „Aktion Zaunkönig“ der hessischen CDU etc.) zu transferieren und anzulegen. Nach vorliegenden Schätzungen (u.a. der Deutschen Steuergewerkschaft) gehen so viele Milliarden Euro jährlich den öffentlichen Haushalten verloren, Summen, die in etwa der jährlichen Neuverschuldung entsprechen und durch erhöhte Besteuerung insbesondere der Lohnsteuerzahler „wettgemacht“ werden müssen bzw. für die Finanzierung wichtiger öffentlicher Aufgaben etwa im Bildungsbereich nicht zur Verfügung stehen. Die Steuerfahndungsabteilung, in der Rudolf Schmenger und Frank Wehrheim mit steuerstrafrechtlichen Ermittlungsverfahren im Bankenbereich befasst waren, operierte seit Jahren sehr erfolgreich. Die Oberfinanzdirektion (OFD) Frankfurt/Main drückte noch Mitte 2000 den Beamten des sogenannten Bankenteams förmlich ihre Anerkennung aus. Zum Konflikt kam es, als die Steuerfahnder erfahren mussten, dass vorgesetzte Dienststellen der hessischen Finanzverwaltung ihre Ermittlungsarbeit aus nicht nachvollziehbaren Gründen mittels einer so genannten „Amtsverfügung“ vom 30.8.2001 zu beeinträchtigen suchten. Der Inhalt dieser Amtsverfügung sah u.a. vor,

• dass ein steuerstrafrechtlicher Anfangsverdacht bei Geldtransfers ins Ausland künftig in der Regel nur noch dann angenommen werden sollte, wenn es sich um Summen von über 300.000 (Einzeltransfers) bzw. 500.000 D-Mark insgesamt handelte. Alle niedrigeren Beträge seien durch die Steuerfahndung grundsätzlich nicht mehr zu bearbeiten;

• dass noch während der laufenden Ermittlungen Verfahren von der spezialisierten und im Bankensektor besonders erfahrenen Fahndungsabteilung des Finanzamt Ffm. V an damit weniger erfahrene Veranlagungs-Ämter in ganz Hessen verlagert werden sollten.

Rudolf Schmenger, Frank Wehrheim und ihre Kollegen wussten aus langjähriger Erfahrung, dass Gelder häufig in kleineren Tranchen von unter 300.000 DM ins Ausland verschoben werden. Die Puzzlestücke, die einen Anfangsverdacht ausmachen, ergeben oft erst spät ein vollständiges Bild. Nun wurde von ihnen gleichsam verlangt, erst in Kenntnis des fertigen Bildes nach Beweisen zu suchen.

Sie standen mit ihren Vorbehalten nicht allein. Auch die Hessische Generalstaatsanwaltschaft hielt „die Anknüpfung eines Tatverdachts im Sinne des § 152 Abs. 2 StPO an bestimmte, zum Teil mehr oder weniger willkürliche Kriterien – für bedenklich. Mit diesen Kriterien lässt sich ein Anfangsverdacht weder nachvollziehbar begründen noch ablehnen“ (LT- Drs.16/5360, S. 39 f). Ferner sprach ihre Erfahrung dafür, dass Banken, die über Jahre Beihilfe zur Steuerhinterziehung geleistet haben, auch in den Folgejahren strafbare Finanzpraktiken betreiben könnten.

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2007 Brigitte Heinisch und Dr. Liv Bode

 

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Dr. Liv Bode hat mit Beharrlichkeit und ausgeprägtem Verantwortungsbewusstsein versucht, den Verdacht der Kontamination von Blutplasma-Spenden mit infektiösen Bestandteilen von Bornavirus im Bereich der Infektionsforschung am Robert Koch- Institut einer Klärung näher zu bringen. Allein der Ausdauer und dem wissenschaftlichen Engagement von Liv Bode ist es zu verdanken, dass das öffentliche Interesse an dieser brisanten wissenschafts- und gesundheitspolitischen Frage geweckt wurde - und wach bleibt. In diesem Sinne ist sie eine echte Whistleblowerin.

 

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Brigitte Heinisch war viele Jahre Altenpflegerin in einer Berliner Pflegeeinrichtung mit zirka 160 Pflegeplätzen. Sie konnte sich mit den dortigen Bedingungen bei der Pflege und Betreuung alter und hilfebedürftiger Menschen nicht abfinden. Sie entschloss sich deshalb zum Whistleblowing. Deswegen wurde sie gemaßregelt. Ihr Arbeitgeber sprach drei Entlassungen aus. Bis heute klagt sie dagegen vor den Arbeitsgerichten. Ihre Zivilcourage und ihr Standvermögen sind bewundernswert.

Nachtrag aus 2011:

Nachdem alle Instanzen der Arbeitsgerichtsbarkeit die Klage von Brigitte Heinisch abgewiesen hatten und sie auch mit einer Verfassungsbeschwerde keinen Erfolg hatte, rief sie den EuGH in Straßburg an, der über die Einhaltung der europäischen Menschenrechtskonvention seitens der Vertragsstaaten wacht. Im Juli 2011 bestätigte dieser, dass die BRD  die Garantien der EMRK durch die bisherige gerichtliche Behandlung des Falls verletzt habe, und vururteilte die BRD zur Zahlung einer Entschädigung.

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2005 Vorstellung der Preisträger Postol und Pusztai

Prof. Theodor A. Postol und Dr. Arpad Pusztai sind die Träger des Whistleblower-Preises 2005. Er wurde ihnen am 15.Oktober 2005 im Rahmen des internationalen Berliner Kongresses “Einstein - weiterdenken” verliehen. Der Whistleblower-Preis wurde gemeinsam von der Vereinigung Deutscher Wissenschaftler (VDW) und der Deutschen Sektion der IALANA gestiftet.

Im Rahmen einer eindrucksvollen Feierstunde, zu der mehr als 250 Gäste in der Berliner "Urania" erschienen waren und die durch die Geschäftsführerin der VDW Annegret Falter eröffnet wurde, stellten zunächst Dr. Götz Neuneck (Hamburger Institut für Friedens- und Sicherheitspolitik) und Dr. Beatrix Tappeser (Bundesamt für Naturschutz) die beiden Preisträger und die durch ihr Whistleblowing ausgelösten Konflikte vor.

Prof. Theodore A. Postol, Massachusetts Institute of Technology (MIT), Camebridge/Mass., USA

Der Physiker Ted Postol vom renommierten MIT kritisiert seit Jahren das amerikanische Raketenabwehrprogramm (NMD) und bezichtigt in diesem Zusammenhang das Lincoln Laboratory des MIT des Wissenschaftsbetrugs sowie das MIT selbst der Vertuschung. Postol äußert seine wissenschaftliche Kritik und seine Warnungen sowohl in Fachkreisen wie auch in den Medien. Er hat damit unter Kollegen und in einer breiteren Öffentlichkeit ernsthafte Zweifel an Sinn und Funktion der US-amerikanischen Raketenabwehrpläne wie auch an dem zugrunde liegenden militärisch-technischen Sicherheitsverständnis geweckt. Seine Forschungsergebnisse und öffentlichen Stellungnahmen haben in erheblichem Maße zur Delegitimierung eines Waffensystems beigetragen, das im Falle seiner Realisierung in zahlreichen Staaten eine gravierende weitere (atomare) Aufrüstung zur Folge hätte. Mit seiner Kritik an der Vertuschungsstrategie der MIT-Führung hat er darüber hinaus die öffentliche Aufmerksamkeit auf die Problematik (militärischer) Geheimforschung an Universitäten gelenkt.

Dr. Arpad Pusztai, Norwegian Institute of Gene Ecology (GenOk), Tromso, Norwegen

Der Biologe Arpad Pusztai der nach der 1956 erfolgten militärischen Intervention der Sowjetunion aus seinem Heimatstaat Ungarn ins Vereinigte Königreich flüchtete und dort die britische Staatsbürgerschaft erwarb, leitete bis 1998 ein dreijähriges regierungsfinanziertes Großprojekt am Rowett Research Institute in Aberdeen (Schottland/UK). Mit 35 Jahren Berufserfahrung und 270 internationalen Veröffentlichungen war er ein führender Experten auf dem Gebiet der Lectine, als er in den 90er Jahren bei Fütterungsversuchen mit gentechnisch veränderten Kartoffeln an Ratten Schäden an deren Immunsystem und Wachstumsstörungen verschiedener Organe feststellte. Er machte diese gänzlich unerwarteten Beobachtungen auf der Basis vorläufiger Ergebnisse in einem Fernsehinterview öffentlich - aus Besorgnis über eine mögliche Zulassung gentechnisch veränderter Nahrungsmittel. Das führte – aufgrund eines Telefonanrufs des britischen Premierministers Tony Blair beim Institutsdirektor - zu seiner sofortigen Entlassung. Trotz späterer Veröffentlichung seiner Forschungsergebnisse im angesehenen Fachjournal "The Lancet" (http://www.thelancet.com/)

wurde die Untersuchung bis heute nicht wiederholt. Seit seiner Entlassung setzt sich Pusztai weltweit dafür ein, dass die Sicherheit gentechnisch veränderter Organismen (GVO) mit den angemessenen wissenschaftlichen Methoden geprüft wird. Die bisherigen – nahezu ausnahmslos von der einschlägigen Industrie finanzierten – Risikostudien zu GVO kritisiert er als völlig unzureichend. Er hat wesentlich dazu beigetragen, dass die etablierte Risiko- und Sicherheitsforschung zu GVO von Teilen der Wissenschaft, der Politik und der Öffentlichkeit zunehmend kritisch hinterfragt wird (siehe dazu u.a. das Urteil des OVG NRW vom 20.6.05 - Az.: 8 B 940/05 - zum Informationsanspruch der Öffentlichkeit bei gentechnisch veränderten Organismen).

Die Laudatio auf die Preisträger des in diesem Jahr erstmals geteilten Whistleblower-Preises hielt Prof. Dr. Ulrike Beisiegel (Hamburg), die Sprecherin des Ombudsman-Gremiums der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG).

Die Übergabe des Whistleblower-Preises an Prof. Dr. Ted Postol und Dr. Arpad Pusztai erfolgte durch Rechtsanwalt Otto Jäckel (IALANA)

In ihren Dankesworten brachten die Preisträger ihre Enttäuschung darüber zum Ausdruck, wie schnell und in welchem Ausmaß sie nach ihrem "Alarmschlagen" und der damit verbundenen Kritik am "Mainstream" von wichtigen Teilen der wissenschaftlichen Community ausgegrenzt worden seien.

Dr. Arpad Pusztai hob hervor, die erfahrene Solidarität aus dem nationalen und internationalen Kollegenkreis sei für ihn sehr bedeutsam gewesen, um überleben zu können. In den Konflikten sei es letztlich um den freien Diskurs in Wissenschaft und Gesellschaft gegangen. Wer betrügerisches Verhalten in der Wissenschaft nicht beim Namen nenne und nicht gegen die Behinderung von kritischer Forschung auftrete, verstoße gegen die Gebote wissenschaftlicher Ethik und handle unmoralisch.

Prof. Theodore A. Postol hob in seinem bewegenden Statement hervor, dass in den USA die Verbreitung von Unwahrheit und Lüge durch staatliche Stellen bis hin zum Präsidenten George W. Bush immer weiter um sich greife, gerade auch in den Bereichen von Wissenschaft und Forschung. Er sei überzeugt, dass dem nur durch zivilgesellschaftliches Engagement Einhalt geboten werden könne. Die erfahrene internationale Anerkennung und Solidarität sei dabei von großer Bedeutung. Er werde in seinem Engagement nicht nachlassen. Nach seiner Ehrung in Berlin werde er nach Pakistan und Indien weiterreisen, um sich dort gegen die Raketen-Aufrüstung beider Länder zu engagieren und um in diesen beiden Atomstaaten vor dem Raketenabwehrschirm zu warnen, den die USA dort zu vermarkten begonnen hätten.

Die Preisträger stehen für die Vielzahl oft unbekannt bleibender Whistleblower weltweit, die im Sinne des Gemeinwohls auf grobe Missstände, gravierende Rechtsbrüche und/oder schwere Risiken und Gefahren für gewichtige Rechtsgüter hinweisen. Mit den bisherigen Preisträgern, dem russischen Ex-Kapitän Alexander Nikitin (Russland), der Tierärztin Dr. Margret Herbst (Deutschland), dem Ökonomen und Publizisten Dr. Daniel Ellsberg (USA), dem Physiker Prof. Ted Postol (USA) und dem Biochemiker Dr. Arpad Pusztai (UK) hat er sich als „der“ internationale Whistleblower Preis etabliert. 1999, als in Großbritannien das

richtungsweisende Whistleblower Schutzgesetz, der Public Interest Disclosure Act, in Kraft trat, haben wir den Whistleblower Preis zum ersten Mal verliehen, seither alle zwei Jahre.

In Deutschland fehlt nach wie vor ein spezifischer Schutz für Whistleblower.

Aber auch in anderen Ländern besteht dringender Reformbedarf. Bestürzenderweise sind drei der bisherigen Preisträger in Ländern tätig, die immerhin über Gesetze verfügen, die einen wirksamen Mindestschutz für Whistleblower gewähren sollen. Wir hoffen, bis zur Verleihung des nächsten Whistleblower Preises im Jahre 2007 Verbesserungen berichten zu können.

 

2005 Postol und Pusztai

2005          Prof. T.A. Postol und Dr. A. Pusztai               

Der Physiker Theodore A. Postol vom renommierten Massachusetts Institute of Technology (MIT) in Camebridge, USA, kritisiert seit Jahren das amerikanische Raketenabwehrprogramm (GMD) und bezichtigt in diesem Zusammenhang das Lincoln Laboratory des MIT des Wissenschaftsbetrugs sowie das MIT selbst der Vertuschung. Postol äußert seine wissenschaftliche Kritik und seine Warnungen sowohl in Fachkreisen wie auch in den Medien. Er hat damit unter Kollegen und in einer breiteren Öffentlichkeit ernsthafte Zweifel an Sinn und Funktionsfähigkeit der US-amerikanischen Raketenabwehrpläne wie auch an dem zugrunde liegenden militärisch-technischen Sicherheitsverständnis geweckt. Er trägt fortlaufend zur Delegitimierung eines Waffensystems bei, dessen Einführung weitere atomare Aufrüstung in anderen Staaten zur Folge hätte. Mit seiner Kritik an der Vertuschungsstrategie der MIT-Führung hat er darüber hinaus die öffentliche Aufmerksamkeit auf die Problematik militärischer Geheimforschung an Universitäten gelenkt.

Der Biochemiker Arpad Pusztai leitete in den 1990er Jahren ein dreijähriges, regierungsfinanziertes Großprojekt am Rowett Research Institute, Aberdeen. Mit 35 Jahren Berufserfahrung und 270 internationalen Veröffentlichungen war er ein führender Experte auf dem Gebiet der Lectine, als er bei Fütterungsversuchen mit gentechnisch veränderten Kartoffeln an Ratten Schäden am Immunsystem und Wachstumsstörungen verschiedener Organe feststellte. Er machte diese gänzlich unerwarteten Beobachtungen auf der Basis vorläufiger Ergebnisse öffentlich - aus Besorgnis über eine mögliche Zulassung gentechnisch veränderter Nahrungsmittel. Das führte zu seiner sofortigen Entlassung. Trotz späterer Veröffentlichung seiner Forschungsergebnisse im angesehenen Fachjournal "The Lancet" wurde die Untersuchung bis heute nicht wiederholt.

Seit seiner Entlassung setzt sich Pusztai weltweit dafür ein, dass die Sicherheit gentechnisch veränderter Organismen (GVO) mit den angemessenen wissenschaftlichen Methoden geprüft wird. Er hat wesentlich dazu beigetragen, dass die Risiko- und Sicherheitsforschung zu GVO von Teilen der Wissenschaft, der Politik und der Öffentlichkeit zunehmend kritisch hinterfragt wird.

 

2003 Dr. Daniel Ellsberg

 

Daniel Ellsberg hat Anfang der 70er Jahre die »Pentagon-Papers« zur jahrzehntelangen Verstrickung der USA in den Vietnam-Krieg an die Presse gegeben. Er selber hatte als Wissenschaftler an der Zusammenstellung dieser streng vertraulichen Dokumentation im US-Verteidigungsministerium mitgearbeitet. Die Nixon-Regierung reagierte seinerzeit mit massiven Eingriffen in die Pressefreiheit und mit der persönlichen juristischen Verfolgung Ellsbergs um zu verhindern, dass das Ausmaß von Lüge und amtlicher Täuschung der amerikanischen Öffentlichkeit bekannt würde.

Die Veröffentlichung der »Pentagon Papers« hat damals in ganz entscheidendem Maße zur Enthüllung der schmutzigen Hintergründe des Vietnam-Krieges, zum weiteren Anwachsen des Widerstandes der nationalen und internationalen Öffentlichkeit und damit letztlich auch zum Ende des Vietnam-Krieges beigetragen.


 
Daniel Ellsberg: Secrets - Eine Erinnerung an Vietnam und die Pentagon Papers *
 
hieraus: Kapitel III. Der Weg in die Eskalation
 
Der Tag, an dem ich über Vietnam zu arbeiten begann, endete
mit der im Fernsehen übertragenen Versicherung des
Präsidenten: "Wir wollen keine Ausweitung des Krieges“. Dies
wurde bald zu einem Hauptthema seiner Wahlkampagne.
 

2001 Veröffentlichungen zu Herbst

 

1.  VDW-Materialien 12
Vereinigung Deutscher Wissenschaftler 2002
Dieter Deiseroth und Annegret Falter (Hrsg.)

Zivilcourage im BSE-Skandal
- und die Folgen -
Whistleblower-Preis 2001 für die Tierärztin Dr. Margrit Herbst
Dokumentation und kleine Wirkungsgeschichte

Auszüge aus dem Buch

2. Dieter Deiseroth,  Whistleblowing in Zeiten von BSE

Der Fall der Tierärztin Dr. Margrit Herbst

Berlin 2001, 252 S., kart., 20,- €, 35,20 SFr
ISBN 3-8305-0258-3

 

 

2001 Dr. Margrit Herbst

Die Preisträgerin 2001 war die Tierärztin Dr. Margrit Herbst. Sie hatte bereits in den frühen 1990er Jahren im Rahmen ihrer Tätigkeit an einem schleswig-holsteinischen Schlachthof bse-verdächtige Rinder bemerkt und diesen Verdacht öffentlich geäußert, nachdem sie intern kein Gehör fand.

Dies führte zu ihrer Entlassung aus dem öffentlichen Dienst, da sie ihre Pflicht zur Verschwiegenheit »über die Vorgänge an ihrem Arbeitsplatz [?] ohne zwingenden Grund verletzt [habe], indem sie entgegen den Weisungen des Arbeitgebers ohne hinreichende innerdienstliche Aufklärung der BSE-Verdachtsfälle an die Öffentlichkeit getreten sei«.

 

 

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